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Hamburg-Marathon 2015: Über Hypnose und nur geliehene Zeit

Hamburg, meine Perle. So sollte es eigentlich heißen nach 42,195 Kilometern durch die Hansestadt bei der 30. Auflage des Marathons. Am Ende reicht es nur fast für dieses gesungene Lob. Weil es nicht für die Sub3 reicht. Knapp.

Dabei geht es gut los, die Anfahrt eine Mischung aus Carboloading (literweise Traubensaft, Haferriegel, Laugenbrezeln) und Beobachtung der Hashtags #RunHamburg und #HaspaMarathon in den Sozialen Netzwerken – um sich zu vergewissern, dass man nicht allein mit seiner Nervosität ist. Um dort lesen zu können, was andere so bewegt.

Einer fragt verzweifelt, wie er denn aus Startblock N rauskomme. Wie er denn da habe landen können?! Die Erklärung ist einfach: Aus N starten die, die bei der Anmeldung keine Zielzeit angegeben haben. Was insofern besonders ärgerlich ist, da es nach dem Startschuss noch mindestens 20 Minuten dauert, bis jene Läuferschar die Startlinie überquert.

19.500 Teilnehmer, die es in diesem Jahr in Hamburg waren, sind eine gewaltige Zahl. Die nochmal viel imposanter wird, wenn man zwangsläufig an einem Großteil von ihnen vorbei laufen muss, will man auch nur im Ansatz eine vernünftige Zeit erzielen. Wobei: Was bedeutet die schon? Am Ende erhalten alle schließlich die gleiche Medaille.

Ich laufe trotzdem gegen die Uhr.

Und werde nervös bei dieser Diskussion. Die Anmeldung liegt immerhin Monate zurück, damals, so voller Enthusiasmus nach dem Marathon in Frankfurt, der über ein halbes Jahr her ist. Habe ich eine Zielzeit angegeben? Wo würde ich stehen?

Angekommen in den Messehallen führt der erste Weg zur Startbeutelausgabe. Ich krame darin herum, sehe meine Startnummer, sehe ein B dort, wo ich ein N befürchtete. Etwas naiv frage ich: „Was bedeutet B denn nun genau?“ Die junge Frau lächelt mich an und sagt: „Das bedeutet, dass Sie verdammt schnell sind.“

Ich schwöre, genau so ist es gewesen.

„Dann stimmt ja alles“, lache ich und ziehe von dannen.

Selbstbewusst bin ich nach Hamburg gekommen. Mit neuen persönlichen Bestzeiten in der Vorbereitung, 37:11 Minuten auf 10 Kilometern, 1:21:42 Stunden beim Halbmarathon in Paderborn und vielen starken Trainingseinheiten. Die Laufzeitprognose bei Greif errechnet mir sogar eine bei idealen Bedingungen mögliche Marathonzeit von unter 2:50 Stunden.

Leider sind die Bedingungen nicht ideal.

haspa1Die Woche 4 vor Hamburg bin ich auf einem 4-Tage-Trip mit meinem Sohn durch London, manche Dinge gehen eben vor. Kaum daheim laufe ich, natürlich sehr ausgeruht, Bestzeit in Paderborn. Um mich wiederum direkt darauf heftigst zu erkälten und die Woche 3 vor dem Marathon komplett mit dem Training aussetzen zu müssen. Nein, die Vorbereitung war nicht ideal. Die Form zu früh da. Aber, so sagt mein erfahrener Nachbar, der jahrzehntelange Lauferfahrung vorzuweisen hat und dessen Tipps ich sehr schätze, „die Form stimmt, das verlierst du nicht alles auf einen Schlag, du bist gut drauf, das ist jetzt alles Kopfsache“.

Und ich bin verdammt schnell. Hat ja auch die junge Frau gesagt. Ich glaube dran.

Irgendwie glaubt übrigens jeder dran, dass ich die 3-Stunden-Marke knacken werde. Auch Martin Grüning, den ich auf der Messe kennenlerne. Grüning ist Chefredakteur der Runner’s World und in seinen besten Jahren sagenhafte 2:13:30 Stunden über die Marathondistanz gelaufen. Was nichts anderes bedeutet, als dass dieser Mann eine kleine Lauflegende ist. Und noch immer fast jeden in Grund und Boden rennen kann.

Fast immer. Denn im Gespräch stellen wir fest, dass ich in Frankfurt eine Minute schneller war als er. In einem echten Wettkamp. Ich.

Frankfurt, so erzählt er, wollte er deutlich unter 2:50 Stunden laufen. Aber „es gibt eben Tage, an denen nichts geht“. Das sind dann so Tage wie jener, an denen Grüning, schlappe elf Jahre älter als ich, mit einer Zeit von 3:06 Stunden eine Minute hinter mir ins Ziel einlief. Nur, um hier mal die Verhältnisse aufzuzeigen…

Das macht mich etwas stolz. Gleichzeitig denke ich aber auch daran, dass es eben doch Tage gibt, „an denen nichts geht“. Und hoffe, dass ich das in Hamburg nicht erlebe.

Grüning fragt mich nach meinen Zeiten in der Vorbereitung, um dann gelassen zu konstatieren, dass mein Ziel ja drin sein solle. Er selbst will Freunden dabei helfen, die Sub3 zu schaffen. Am Ende hängt er uns alle ab: Seine Truppe kann das Tempo offenbar nicht halten, allein zieht er so um die Kilometer 30 geschmeidig an mir vorbei und wir wechseln ein paar Worte. Nicht viele. Mir fehlt schon die Leichtigkeit.

Dabei habe ich alles getan im Vorfeld. In aller Früh bin ich nach einem leichten Frühstück vor Ort, inspiziere die Messehallen und entdecke einen kleinen Stand, der mich neugierig macht: Sport-Hypnose. Ich bin skeptisch – aber ich will mich darauf einlassen.

Ich nehme Platz, um mich herum sitzen bereits an die zehn andere Läufer. Während ich warte, wird die Schlange am Stand immer länger. Offenbar sind hier noch mehr, die nichts unversucht lassen wollen. Komisches Gefühl, die Probanden nach und nach alle auf ihre Stühle sinken zu sehen. Was Peer Vollmer, Hypnosetherapeut, den Läufern so alles mitgibt, verstehe ich nicht. Mit einem Countdown und einem Schnipsen der Hand machen jedenfalls alle ihre Augen wieder auf. Das Minimalziel. Ich bin dran.

„Hauptsache, ich schlafe beim Laufen nicht ein“, hatte ich zu meinem Nachbarn gesagt, der mich jetzt filmen darf. Ich schließe die Augen, versuche, mich geistig fallen zu lassen. Funktioniert nicht so recht. Ich konzentriere mich zu sehr auf die Stimme, stelle ich fest. Darauf, auf den Stuhl zu sinken, zuzuhören, was Vollmer sagt. Ich hatte es mir anders vorgestellt, weggetreten zu sein. Aber war ich ja wohl auch nicht. Trotzdem nehme ich mit: Wenn ich schwach werde, wenn ich müde werde, dann führe ich Zeigefinger und Daumen zusammen und spüre die positive Energie des Laufens. Spüre die Kraft. Soweit die Theorie.

Ich hab’s wirklich versucht.

Das erste Mal bei Kilometer 14, als einige Kilometer lang Seitenstiche einsetzten. Es hat nichts gebracht. Hintenraus, die letzten zehn Kilometer, dachte ich fast mehr an die Finger als an die Beine. Was eigentlich cool gewesen wäre, hätte es geklappt, denn die Beine, die wurden müde. Zunehmend ohne Energie, ohne Kraft. Weiter geht’s, einen Versuch war’s wert. Ich lass mich von der Stimmung mitreißen, das wirkt offensichtlicher. Hamburg hypnotisiert.

(P.S.: Ganz nebenbei bemerkt glaube ich übrigens, dass das so manchem helfen kann, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.)

Zurück zum Rennen, ich will mich kurz fassen, denn 3:01:09 Stunden sind am Ende eigentlich doch ganz schön schnell vorbei. Viel schneller als die Wochen der Vorbereitung und die 1000 bereits gelaufenen Kilometer in diesem Jahr.

Am Start lerne ich Johannes und Stephan kennen, zwei sehr sympathische Läufer aus der beVegt-Seite/Gruppe auf Facebook. Auch sie knacken die drei Stunden nicht, aber wir treffen uns im Ziel und sind begeistert von der Stimmung in Hamburg. Und nicht unzufrieden.

Freunde begleiten mich an der Strecke, laufen teilweise mit, feuern mich an, fotografieren mich. Fremde schreien meinen Namen, hin und wieder höre ich auch ein motivierendes „Vegan Runner!“, was mich besonders freut. Tolles Laufshirt mit einer klasse Botschaft.

urkundeSpäter, auf der Heimfahrt nach einem Wettkampf, in dem ich zwar nicht die 3-Stunden-Marke knacke, dafür aber meine Bestzeit um mehr als zwei Minuten steigere, lese ich die Kommentare der Freunde, die das Rennen anhand der Zwischenzeiten auf Facebook begleiten. Ich bin hin und weg, dankbar, die haben mitgefiebert, das Marathonerlebnis endet eben nicht schon nach 42,195 Kilometern.

Dafür endet es vor allem mit einer Erkenntnis: Laufen mit geliehener Zeit funktioniert nicht.

2:55 Stunden, habe ich gedacht, könnte ich schaffen. Und wäre das zu schnell, hätte ich genug Minuten angesammelt, um langsamer werden, aber am Ende trotzdem noch unter drei Stunden zu laufen.

Ein Polster, auf dem ich mich nicht ausruhen kann.

Als mich die Realität einholt, steht auf den letzten Kilometern eine Pace von 4:33 min/km. Die unnachgiebig jede gewonnene Sekunde um Sekunde der ersten Rennkilometer schluckt. Bei Kilometer 38 weiß ich, dass ich zwar nicht einbreche wie in Frankfurt, aber auch nicht zulegen kann. Wie gewonnen, so zerronnen.

Martin Grüning hat mich geschlagen. Diesmal.

Deswegen will ich auch mit den Worten enden, die er laut Facebook-Legende seinen Läufern am Ende mitgegeben haben soll: „Das ist Leistungssport, Männer, super Leistung!“

So sieht es nämlich aus.

Und am Ende tragen wir alle die gleiche Medaille.

NDR: Im Ziel angekommen (links unten)

Splits

Split Zeit Diff min/km km/h
5 km 00:20:44 20:44 04:09 14.47
10 km 00:41:26 20:42 04:09 14.50
15 km 01:02:04 20:38 04:08 14.54
20 km 01:23:11 21:07 04:14 14.21
Halb 01:27:48 04:37 04:14 14.22
25 km 01:44:26 16:38 04:16 14.09
30 km 02:06:01 21:35 04:19 13.90
35 km 02:28:13 22:12 04:27 13.51
40 km 02:51:22 23:09 04:38 12.96
Netto 03:01:09 09:47 04:28 13.46
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(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan. Neben dieser Seite engagiere ich mich ehrenamtlich für den Tierschutz in meinem Tierschutzportal hunde-in-not.com. Ich habe vier Hunde, einen Vitamix und eine Frau, die für meinen Sinneswandel und meine Tierliebe verantwortlich ist. Seit 2012 mache ich Ausdauersport, an meinem 40. Geburtstag am 12. Mai 2013 lief ich meinen ersten Marathon in meiner Heimatstadt Kassel. Meine aktuelle Marathon-Bestzeit liegt bei 2:54:11 Stunden (aufgestellt in Frankfurt 2015). 2016 habe ich meinen ersten 100km-Lauf absolviert in 9:14 Stunden.

12 Kommentare

  1. Toller Bericht, Jens. Macht noch mehr Lust auf meinen nächsten Marathon, als ich nach der Verkonsumierung der TV-Übertragung eh schon gehabt habe.

    Angemeldet bin ich jetzt für FFM. Startnummer 4844. Ich freue mich auf unser gemeinsames Abenteuer!

    • Jens Nähler sagt

      Späte Antwort, sorry! Mittlerweile kennst du ja auch schon mein Video zu Kassel (mit dem Ausschnitt aus Hamburg, in dem ich ziemlich fertig aussehe…). Für Frankfurt habe ich heute auch endgültig gemeldet. Von daher: Abenteuer kann losgehen. Vorher noch Berlin, dann ab nach Südhessen :)

  2. Miriam sagt

    Jens,
    schön trocken beschrieben wie es läuft wenn es mal nicht so läuft.
    Aber du kannst es wenigstens auf die unperfekte Vorbereitung schieben.
    Ich sollte laut Greif und meinem letzten Halbmarathon zwischen 03:15 und 03:17 landen, mein Minimalziel war unter 03:20.
    Nach 03:23 war ich im Ziel, allerdings war es mein erster Marathon überhaupt und meine AK ist W50.
    Also bin ich auch so mittel zufrieden und laufe im Herbst in Frankfurt dann eben unter 03:20 :-)

    • Matthias sagt

      Respekt! Ich finde 3:23 h in der W50 und für den ersten Marathon blitzschnell!

    • Jens Nähler sagt

      Die Zeit, liebe Miriam, ist doch absolut klasse! Beim ersten Marathon sollte man immer einige Minuten drauf rechnen, von daher bist du voll im Soll geblieben! Ich drücke dir die Daumen für Frankfurt – wir werden uns da vielleicht sehen. Einfach schön motiviert bleiben ;)

  3. Matthias sagt

    So ein Mist! Ich hätte nach Paderborn darauf gewettet, dass die drei Stunden fallen. Der Puffer war da. Ich fand zudem die äußeren Bedingungen ( trocken am Start, kaum Wind, nicht zu viel Regen) fast ideal!

    Deine Analyse kam mir bei dem Nachrechnen der ersten Zwischenzeiten auch in den Sinn (wollte er zu viel?). Ich hoffe, dass es dann beim nächsten Mal klappt und Respekt, dass Du Kassel angehen willst, das wäre heute, drei Tage nach HH, das Letzte, wozu ich mich motivieren könnte!

    • Jens Nähler sagt

      Darauf hätte ich auch gewettet. Aber nach Paderborn hatte mich ja ein Virus erst einmal eine Woche völlig umgehauen. Vielleicht lag’s daran? Egal.

      Sorry, dass ich erst jetzt antworte. Wie lief denn Hamburg eigentlich bei dir? Was hast du noch vor in diesem Jahr?

      • Matthias sagt

        Hamburg lief total nach Plan, 3:07:x h. Relativ locker Bestzeit, aber sub 3 h wären nie drin gewesen, mal gucken, was nächstes Jahr geht.

        Im Herbst, die Bahnläufe in Heiligenrode, HM in Bad Hersfeld, also eher kürzer. Die knapp 100 km/Woche Vorbereitung schaffe ich auf Dauer leider nicht.

        Sportliche Grüße

  4. Stark (zu stark) angefangen, stark nachgelassen. Aber der Fehler wird dir nicht nochmal passieren. Bis die 3h fallen, ist es nur eine Frage der Zeit. Trotzdem ein starkes Rennen, Glückwunsch zur Bestzeit!

  5. Matthias sagt

    Heute sind die 3 h in Kassel gefallen! Punktlandung, herzlichen Glückwunsch!

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