Blog
Schreibe einen Kommentar

Mein Frankfurt-Marathon: Fünf über drei

Marathon. Ist man einen gelaufen, bleibt man nicht stehen. 42,195 Kilometer. Frankfurt 2014 war mein drittes Rennen.

Perfektes Laufwetter in Südhessen. Martin und ich genießen die Zeit vor dem Start, sind gemeinsam extra frühzeitig angereist. Jetzt stehen wir am Ausgangspunkt, mit vielen tausend anderen Läufern. Mehr als 11000 werden es am Ende sein, die es ins Ziel schaffen.

Martin ist aufgeregt, es ist sein erster Marathon. Ich bin es auch. Ich bin es, weil ich nicht weiß, wie ich mein Training einzuschätzen habe. Dazu bin ich noch zu unerfahren und auch etwas zu sehr Realist. „Du bist gut drauf“, sagt der Trainer, Winfried Aufenanger, am Tag vor dem Rennen. Ich treffe ihn auf der Marathonmesse beim Gespräch mit Topläuferin Simret Restle-Apel. Auch sie wünscht mir Glück. Zusätzliche Motivation.

Restle-Apel läuft für den PSV Grün-Weiß Kassel. Mein Verein. Meine Heimatstadt. Knapp ein halbes Jahr vor Frankfurt hatte ich dort den optimalen Tag und lief am Ende in 3:03:12 Stunden über die Ziellinie. Schneller, als ich erwartet hatte. Schnell genug, um auf eine Zeit von 2:59:xx Stunden zu schielen.

Der magischen Grenze.

„Nur wer riskiert, zu weit zu gehen, kann überhaupt herausfinden, wie weit er gehen kann.“ T.S. Eliot

Es ist der Traum vieler ambitionierter Freizeitläufer, einmal beim Marathon unter drei Stunden zu bleiben. Im Club zu sein. Jede Minute auf dem Weg dorthin sind Welten in diesem Bereich. Und ich wusste, dass dafür alles passen musste. Tat es nicht. Ich bin selbst schuld daran.

In Sachen Training habe ich mir nichts vorzuwerfen. Zwölf Wochen vor Frankfurt stieg ich wieder intensiv und konzentriert in die Einheiten ein, lief im Schnitt um die 90 Kilometer in der Woche, an den Wochenenden regelmäßig über 30 Kilometer. Leider musste ich sechs Wochen vor dem Rennen zwei Wochen wegen eines Infekts aussteigen, aber so etwas lässt sich kompensieren.

Drei Monate Trainingspause dagegen nicht.

Nach Kassel legte ich die Füße hoch. Erschöpft. Zufrieden. Zu zufrieden. Und zu bequem. Schnell war ich wieder im Rhythmus des Alltags gefangen. In der Arbeit. Aber auch in der Konzentration auf Dinge, die wegen des Trainings zu kurz gekommen waren. Aus einer Woche Pause wurden fast drei Monate.

Zeit, die mir in Frankfurt fehlen sollte.

Natürlich war mir klar, dass das angepeilte Ergebnis kaum zu erreichen war. Aber wie oft hat man die Chance, es zu probieren? Also versuchte ich es.

Noch guter Dinge nach wenigen Kilometern. Foto: Kurt U. Heldmann

Noch guter Dinge nach wenigen Kilometern. Foto: Kurt U. Heldmann

Am Start trennen sich sich die Wege von Martin und mir. Ich stehe im ersten Startblock, er reiht sich weiter hinten ein. Dann höre ich jemanden meinen Namen rufen! Es ist Cem. Er steht mit Matthias, Daniel und Rainer im Gedränge, alles Vereinskameraden, Kassel ist präsent in Südhessen! Unsere Wege trennen sich schon auf den ersten Metern, jeder hat sich sein eigenes Rennen eingeteilt, sein eigenes Tempo, das er konstant gehen will.

Daniel läuft voran, dann folgen ich, Rainer, Matthias und Cem. Auch wenn uns am Ende nur wenige Minuten trennen, laufen wir über 42 Kilometer keinen Meter zusammen. Ich sehe Aufi an der Strecke und winke selbstbewusst. Dreimal werde ich ihn treffen, wie er mit Christoph, einem weiteren Vereinskollegen, seine Läufer anfeuert. Nur zweimal kann ich beiden den Daumen nach oben zeigen.

„Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.“ Wilhelm Busch

Bis Kilometer 34 läuft alles bestens. Ich schaue selten auf die Uhr, laufe einfach mit den 2:59-Zugläufern und hunderten anderen Männern und Frauen, die den gleichen Traum haben wie ich. Ich fühle mich gut. Und dann falle ich zurück. Werde einfach langsamer. Drei Kilometer lang.

Mit jedem Meter, den der Ballon außer Sichtweite gerät, schraube ich meine realistische Zielzeit nach unten. Ohne enttäuscht zu sein. Müde bin ich. Und ich rechne. Schaue immer öfter auf die Uhr. Immerhin ist noch die Zeit aus Kassel drin. 3:03:20 Stunden.

Kurz habe ich ein besseres Gefühl. Kilometer 37 bis 39. Es läuft sich leichter. Kurz. Dann schlägt der Mann mit dem Hammer wieder zu. Erinnert mich daran, dass mir die Konstanz fehlte. Drei Monate zwischen Kassel und Frankfurt. Drei Kilometer.

Ich bekomme nicht viel mit von diesen drei Kilometern. Und auch nicht von den restlichen 195 Metern bis ins Ziel. Der Einlauf in die Festhalle, von dem so viele Läufern schwärmen – Fehlanzeige. Ich erinnere mich an den Messeturm, der auf den letzten Kilometern ständig präsent und doch nicht erreichbar ist. Rundherum führt die Strecke, und erst nach einer gefühlten Ewigkeit ist er endlich da, der Zieleinlauf. Da ist dann auch die Zeit aus Kassel verloren.

3:05:12 Stunden dauert es am Ende vom Lauf über die Startmessung bis zum Queren der Ziellinie. Kurt steht da in der Festhalle, ein befreundeter Fotograf aus Kassel. Er fängt mich ab und irgendwie auch etwas auf. Er macht ein Foto von mir, dem man ansieht, wie erschöpft ich bin (Foto und Video unten). Aber auch zufrieden. Und etwas stolz.

„Ein Ziel ohne Plan ist nur ein Wunsch.“ Antoine de Saint-Exupéry

Das kann jeder sein, der das Ziel erreicht. Auch wenn er seines vielleicht nicht ganz erreicht hat.

Die Chance kommt wieder. Die Chance beginnt jetzt: Dranbleiben heißt es. Auch über den Winter. Beginnend mit der Regeneration. Fortgesetzt mit dem ungeliebten Krafttraining. Mit Läufen in der Kälte. Und dann mit der intensiven Trainingsphase zehn Wochen vor Hamburg.

Meinem nächsten Marathon. Am 26. April 2015.

P.S.: Martin hat sein Ziel, seine Zeit erreicht. Und auch er bleibt nicht stehen. Wir sehen uns in der Hansestadt.

Angekommen. Foto: Kurt U. Heldmann

Angekommen. Foto: Kurt U. Heldmann

Mein Zieleinlauf (Bruttozeit 3:05:58 Stunden)

Weitere Bilder

Kategorie: Blog

von

(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan. Neben dieser Seite engagiere ich mich ehrenamtlich für den Tierschutz in meinem Tierschutzportal hunde-in-not.com. Ich habe vier Hunde, einen Vitamix und eine Frau, die für meinen Sinneswandel und meine Tierliebe verantwortlich ist. Seit 2012 mache ich Ausdauersport, an meinem 40. Geburtstag am 12. Mai 2013 lief ich meinen ersten Marathon in meiner Heimatstadt Kassel. Meine aktuelle Marathon-Bestzeit liegt bei 2:54:11 Stunden (aufgestellt in Frankfurt 2015). 2016 habe ich meinen ersten 100km-Lauf absolviert in 9:14 Stunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.