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Vegan in Topform, Woche 1: Vollwertkost und Verzicht

Selbst gemachtes 5-Minuten-Brot.

Selbst gemachtes 5-Minuten-Brot.

Ich bin kein großer Freund von Salat. Ganz und gar nicht. Neben dem Dessert sind es Salate, die ich seit jeher bei den Mahlzeiten vernachlässige. Stattdessen mehr Nachschlag bei der Hauptspeise: Früher waren das Steaks, Bratwurst, Geschnetzeltes. Heute sind es Nudeln, Hülsenfrüchte, Reis.

Seit fast zwei Jahren lebe ich vegan. Seit einer Woche darf es etwas mehr sein.

„Vegan in Topform“ nennt sich die Diät des kanadischen Ausdauersportlers Brendan Brazier, die ich seit Beginn des Jahres befolge und bis zum Marathon in Kassel am 4. Mai durchziehen will. Meine guten Vorsätze zum Jahresbeginn: Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Kaffee, kein raffinierter Zucker, kein weißes Mehl, kein weißer Reis, keine hellen Nudeln – allein das wird nicht ganz leicht. Deutlich schwerer wird eins: viel Salat zu essen! Denn genau das tut Brazier. Jeden Tag.

Die Thrive-Diät ist darauf ausgelegt, lediglich Nahrungsmittel mit hohem Nutzen zu verwenden. Je weniger Energie aufgebracht werden muss, Nahrung zu verdauen und zu verwerten, desto höher ist für den Kanadier der Nutzen eines Nahrungsmittels: Dem Körper verbleibt mehr Energie für andere Arbeiten, die Leistungsfähigkeit wird gesteigert, neues Zellgewebe kann besser gebildet werden. Attila Hildmann schlägt mit seinem neuesten Buch „Vegan for Youth“, das die Bestsellerlisten anführt, in dieselbe Kerbe – wenn auch weit mehr populärwissenschaftlich. Es geht also um eine Verjüngungskur des Körpers, darum, das biologische Alter zu reduzieren.

Dumm lediglich, dass in den meisten Produkten, die wir so zu uns nehmen, nur rund ebensoviel Energie steckt wie wir benötigen, um sie zu assimilieren. Bedeutet: Das, was an Nährwerten auf der Verpackung steht, steht dem Körper am Ende nicht selbst zur Verfügung – dadurch sind solche Nahrungsmittel tatsächlich nährstoffarm. Das ist zweifelsohne für jeden Menschen suboptimal. Für Sportler allerdings ganz besonders.

Brazier setzt daher auf natürliche Vollwertkost statt auf industriell verarbeitete Lebensmittel. Für die nächsten fünf Monate bedeutet eine ausgewogene Thrive-Diät bei mir daher: 45 Prozent ballaststoffreiches Gemüse, 20 Prozent Obst, 20 Prozent Hülsenfrüchte, Samen und Pseudogetreide (z.B. Buchweizen, Amaranth, Quinoa), 10 Prozent kalt gepresstes Öl, Nüsse, Avocados sowie 5 Prozent stärkehaltiges Gemüse und Vollkorngetreide.

Tag 1: War der leichteste. Ein leichter Kater vom Vorabend und Kartoffelchips, die als Rest vom Vorjahr noch verzehrt werden durften. Goodbye, funny-frisch, es war schön mit dir. Resteverwertung gibt’s ab sofort nur noch mit dem übrig gebliebenen Essen des Vortags. Am Abend daher auch Gemüse- und Pilz-Reste vom Silvester-Fondue, als Beilage Naturreis.

Tag 2: Erster Tag im Büro. Salat ist ab sofort täglicher Bestandteil meiner Nahrung. Allerdings in flüssiger Form, als grüner Smoothie, gemixt mit eingeweichten getrockneten Datteln, Honigmelone, Hanfprotein, gemahlenen Leinsamen und Ingwer. Macht auch satt. Der Kollege tut mir leid, der Muffins mitbringt – extra aus einer veganen Backmischung gezaubert. Ich lehne ab. Zucker. Sorry, Eugen, das nächste Mal lasse ich fünf gerade sein! In ein paar Monaten also.

Tag 3: Büro. Es sind noch Muffins da. Ich halte mich an Walnüsse, Haselnüsse, Banane und Apfel. Und natürlich den grünen Schaum in der Glasflasche, den Salat.

Wochenende: Nach der Lektüre von Braziers Buch fehlt doch noch so einiges an Zutaten. Einkaufstour. Am Mittag wird eingekehrt beim indisch-ayurvedischen Imbiss Bashis Delight in Kassel. Man gönnt sich ja sonst nichts. Zum Abend koche ich das italienische Gartengemüsepfännchen aus Braziers Buch, als Beilage Quinoa. Eine große Portion, die reicht noch für Sonntag.

Italienisches Gartengemüsepfännchen mit Quinoa.

Italienisches Gartengemüsepfännchen mit Quinoa.

Premiere am Sonntag: Selbst gemachtes Brot aus Dinkelvollkornmehl und Sesamöl mit Buchweizenflocken, Sonnenblumen- und Kürbiskernen, Chiasamen und Sesam. Als Aufstrich selbstgemachter Hummus. Wozu teuer kaufen, wenn es so günstig selbst herzustellen ist? Kostet nur ein wenig Zeit. In den nächsten Tagen folgen drei weitere Brote mit jeweils leicht veränderter Rezeptur.

4. Januar: Freunde zu Besuch. Es gibt Pizza. Da kann man nicht viel falsch machen. Ich habe Spätdienst und meinen Teig vorab selbst vorbereitet. Er wird ein Reinfall.

Das liegt natürlich (!) nicht an mir.

Schuld daran ist ein Übersetzungsfehler. Braziers Pizza-Böden bestehen nämlich nicht aus klassischem Teig, sondern aus Naturreis oder gepufften Amaranth oder gekeimten Linsen. Da kann man schon mal was falsch verstehen. Wie bei meinem Currylinsen-Reis-Mix mit gemahlenen Linsen. Gemahlene Linsen? Wir haben eine Mühle. Staubt ganz ordentlich. Entsprechend trocken wird der Teig. Und auch nicht fest. Wüste. Mahlzeit.

Im Dampfgarer wird das Ganze schließlich doch noch etwas fluffig, Reste wird’s am nächsten Tag geben. Und das Experiment wird wiederholt. Denn im Originalrezept ist die Rede von ground lentils, was man besser mit geriebenen oder zerdrückten Linsen übersetzen sollte.

Beim Nachtisch verzichte ich: Selbst gemachtes Eis aus gemischten Beeren, Sojamilch und Zucker. Viel Zucker. Geht nicht. Auch das Bier bleibt unangetastet. Echt. Für die nächsten fünf Monate. Wahrscheinlich jedenfalls.

Gestern habe ich Schoko-Blaubeer-Energieriegel mit Kakaonibs gemacht. Ein ganzes Blech. 100% Rohkost. Kleine Häppchen für Zwischendurch. Ich liebe sie. Meine Frau kriegt sie nicht runter.

Wie übrigens irgendwie alles von Brazier. Aber wir haben eh andere Geschmäcker.

Deswegen hat sie heute eine Gemüsesuppe mit allerlei leckeren Zutaten gemacht. Die wiederum ich früher nie runter bekommen hätte. Und zum Fernsehen gibt’s frisch geknackte Walnüsse.

Was eine Woche.

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(* 1973). Ich lebe seit Ostern 2012 vegan. Neben dieser Seite engagiere ich mich ehrenamtlich für den Tierschutz in meinem Tierschutzportal hunde-in-not.com. Ich habe vier Hunde, einen Vitamix und eine Frau, die für meinen Sinneswandel und meine Tierliebe verantwortlich ist. Seit 2012 mache ich Ausdauersport, an meinem 40. Geburtstag am 12. Mai 2013 lief ich meinen ersten Marathon in meiner Heimatstadt Kassel. Meine aktuelle Marathon-Bestzeit liegt bei 2:54:11 Stunden (aufgestellt in Frankfurt 2015). 2016 habe ich meinen ersten 100km-Lauf absolviert in 9:14 Stunden.

6 Kommentare

  1. Lieber Herr Nähler,

    Vielen Dank für den tollen Text, waren sehr interessante Stellen dabei und wollte direkt mal nach dem Brot fragen: Machen Sie das auch mit dem Vitamix (dry blades)? Habe mir die beiden Behälter gekauft. Den Wet Blades Behälter und den Dry Blades Behälter. Wollte demnächst mal eines der Brote aus dem Rezeptbuch von Keimling ausprobieren, doch habe irgendwie Angst, dass der dass nicht mitmacht, keine Ahnung wieso. Wenn Sie mir jetzt aber sagen, dass Sie den Teig mit dem Vitamix gemacht haben, dann wäre meine Frage, ob das alles einwandfrei geklappt hat und schnell ging?!

    Vielen Dank!

    Can Gülec

    • Jens Nähler sagt

      Hallo Herr Gülec,

      der Teig geht ganz ohne Vitamix. Ich habe zwar auch beide Behälter, aber, um ehrlich zu sein, den Dry Blades noch nie benutzt. Ich knete den Teig ganz einfach mit der Hand oder aber nutze das Rührgerät. Dauert kaum mehr als fünf Minuten: 320g frisch gemahlener Dinkel (geht aber auch Dinkelvollkornmehl, dann ist das Brot nicht ganz so grob), 80g Sesammehl, 1 Beutel Trockenhefe, 60g Buchweizen- oder Haferflocken, 130g Kerne, Samen, Nüsse und Beeren (z.B. Chiasamen, Leinsamen, Kürbiskerne, Haselnüsse, Gojibeeren), ein TL Meersalz, ein EL Agavendicksaft und 430ml Wasser.

      Den Teig in eine gefettete Backform geben, z.B. mit Sesam bestreuen, in der Mitte leicht einschneiden und eine Stunde bei 190 Grad in der Mitte des Backofens bei Ober- und Unterhitze ziehen lassen. Fertig. Ich nehme eine Silikon-Backform, wodurch ich auf die Butter oder Kokosöl verzichten kann.

      Das Schöne ist, dass man Mehl, Nüsse, Samen, Beeren beliebig austauschen kann und dadurch jeden Tag ein anderes Brot hat. Das Sesammehl beispielsweise macht den Teig etwas süßer. Achtung: Nimmt man kein Sesammehl, so bitte nur 360ml Wasser verwenden!

      Laut Brazier sollte man den Ofen ja nicht ganz so hoch erhitzen, von daher werde ich demnächst mal probieren, wie lange das Brot bei 150 Grad dauert.

      Sie können ja mal berichten, was draus geworden ist.

      LG, Jens

  2. Christian sagt

    Hallo, ich habe die gleichen Erfahrungenit der Pizza gemacht. In dem Buch sind einige Übersetzungsfehler. Woher bekommst du in Kassel Kakaonibs?

    Grüße

    • Jens Nähler sagt

      Hallo Christian,

      ja, die ein oder andere Stelle habe ich leider auch bereits gefunden. In der 2. Auflage ist aber offenbar einiges bereits korrigiert. Vielleicht kannst du mir ja deine gefundenen Fehler mitteilen, dann kann ich das hier veröffentlichen?!? Mir ist z.B. noch aufgefallen, das oft von geröstetem Johannisbrotkernmehl die Rede ist. Damit ist natürlich Carobpulver gemeint. Die Kakaonibs habe ich in Kassel leider noch nicht gefunden und mir daher über das Internet bestellt.

      LG, Jens

  3. Jesse - eine Kollegin sagt

    Schade, dass es noch nicht mehr zu lesen gibt – sehr beeindruckend! Ich bin gespannt auf die kommenden Wochen/Monate mit dir! :)

  4. Nana sagt

    Hiho, ich hab grad deinen Blog entdeckt und bin schon sehr gespannt, wie es weiter geht. Ich fände es mega, wenn du eine Fehlerliste des Buches veröffentlichen könntest. Ich ärgere mich unglaublich, dass sich da vorher einfach keiner mit beschäftigt hat. Liebe Grüße

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