Warum ich Veganer bin
Warum denn bloß vegan? Klingt das nicht schrecklich?
Zu oft habe ich in den letzten Wochen über das Thema reden müssen. Zu oft habe ich es selbst im wahrsten Sinne des Wortes “auf den Tisch” gebracht. Es wird Zeit, darüber ein paar Sätze zu schreiben.
Einleitend sei angemerkt, dass ich keine Ahnung habe, ob die ganzen TV-Beiträge und sonstigen Schreckensberichte in den Medien zum Thema Klimawandel, Lebensmittelskandale, Massentierhaltung und Ausbeutung von Mensch und Natur nun alle genau so stimmen oder nicht. Die Wahrheit liegt wie so oft wahrscheinlich irgendwo in der Mitte, die Thematik ist auch viel zu komplex.
Aber als Journalist sollte ich den Anspruch haben, jedes dieser Themen zu verifizieren. Das werde ich hier nicht tun. Als Mensch reicht mir das, was jeder sehen und lesen kann, wenn er die Augen aufmacht. Wenn nur ein paar Prozent Wahrheitsgehalt in den Berichten steckt, ist das für mich Anlass genug, meine Ernährung zu verändern.
War auch gar nicht so schwer.
Das Schwierigste daran, Veganer zu werden, war es, Vegetarier zu werden. So schnell ist die Sache für mich auf den Punkt gebracht – andere haben es da deutlich schwerer. Ich bin quasi von Null auf Hundert durchgestartet. Wenn, dann richtig.
Eier, Käse und Milch, also Erzeugnisse, auf die Veganer verzichten, das waren ohnehin nie die bevorzugten Elemente auf meinem Esstisch. Mittlerweile weiß ich es besser. Ich weiß, worin Eier, Käse, Milch überall verarbeitet sind. Darunter viele Nahrungsmittel, in denen man sie nicht vermuten würde. Und die ich auch gegessen habe. Natürlich.
Ich weiß noch mehr. Zum Beispiel, dass auch Fleisch in Produkten vorkommt, in denen man sie nicht nur nicht vermuten würde, sondern in denen sie eigentlich auch nichts verloren haben. Warum? Irgendwohin muss der Abfall wohl hin, der bei der Schlachtung anfällt.
Gut. Ich bin (mittlerweile) ein Freund der Resteverwertung. Es ist immer noch besser, etwas zweckzuentfremden als es wegzuschmeißen. Gute alte Indianerphilosophie, die haben ihre erlegten Büffel auch komplett verwertet. Und doch wird heute weggeschmissen in einem Ausmaß, der den Wert eines Lebewesens mit zynischer Verachtung straft. 50 Prozent, so sah ich letztens in einem TV-Beitrag, eines geschlachteten Rinds landen entweder im Müll oder werden in Teilen zu Tierfutter verarbeitet. Ganz zu schweigen von dem am Ende nicht verkauften Fleisch, das den Weg in die Tonne findet. Bei einem Bio-Rind sieht das nicht viel besser aus. Und warum? Weil wir uns die Rosinen rauspicken, die hier Nackensteak oder Braten heißen. Das Hirn will keiner mehr essen. Als ob man selbst genug davon hätte.
Bio-Fleisch, das Unwort unseres Jahrhunderts! Wie konnte es soweit kommen, dass wir einen Bio-Stempel für Nahrungsmittel brauchen? Schlimmer noch: Für Tiere! Bin ich ein Pflanzen-Mensch, jetzt, wo ich mich vegan ernähre? Soll ich Chemie-Mensch oder etwas ähnlich Absurdes zu denen sagen, die am Tisch neben mir an ihrer Wurst nagen?
Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich habe Wurst geliebt! Fleisch war mein Grundnahrungsmittel, jahrelang (!) kamen weder Nutella noch Marmelade noch irgendeine Form von Aufstrich auf mein Brot. Dafür morgens, abends und gern mal zwischendurch Salami, Mortadella, Leberkäse und Ahle Wurscht. Bei jedem Stadionbesuch, bei jedem Bummel durch die Innenstadt landete mehr als nur eine Bratwurst in meinem Magen. Wenn’s nicht die Hausmacher war, nannte ich sie liebevoll Chemieriemen. Lecker! Aber sicher nicht gesund. Ein Grillfest rieche ich Kilometer gegen den Wind, noch heute. Ich bin gut fleischozialisiert sozusagen. Wie sollte ich auch wissen, wo das viele Futter herkommt?
Erbärmliche Ausrede.
Ich bin jetzt 39 Jahre alt, nicht ganz ungebildet, fest angestellt. Ich hätte es wissen sollen. Ich schäme mich dafür.
Mein Onkel züchtete Schweine, mein Vater war beratend in der Landwirtschaft tätig, meine Großmutter hat ebenfalls ihren Hof. Ich habe Landwirtschaft kennengelernt, wie ich heute noch denke, dass sie funktionieren kann – wenngleich ich bloß nie was mit dem ganzen Mist zu tun haben und mich auch nicht wirklich genauer damit auseinandersetzen wollte. Heute sollte das jeder tun, der ein bisschen Wert darauf legt zu erfahren, was genau da auf seinem Teller liegt. Was noch in dem ist, wovon er glaubt, dass es da auf seinem Teller liegt.
38 Jahre lang war ich Fleischesser. Und irgendwann wusste auch ich irgendwie, dass dieses Bild der idyllischen Landwirtschaft und ihrer lecker-frisch-gesunden Erzeugnisse nicht mehr ganz der Realität entsprach. Wahrscheinlich ihr sowieso zumindest zu meinen Lebzeiten nie entsprochen hat.
Die Fleischtheken wurden größer, die Kühlregale voller, die Preise billiger, der Sonntagsbraten zum Alltagsmenü und irgendwann war das heilige McDonalds-”M” an jeder Ecke zu sehen. Heute gibt es immer häufiger Burger King in direkter Nachbarschaft. Tempel des Fleischkonsums. In denen vorbereitete Produkte nach wenigen Minuten weggeschmissen werden, wenn sie nicht verkauft werden. Das nenn ich mal ein Qualitätssiegel. Es wird vorproduziert statt nach Bedarf.
Und die Portionen wurden größer, die Menschen (hierzulande) dicker, das Klima begann sich zu wandeln und nicht nur die vermehrt auftauchenden Medienberichte ließen einen dann schon irgendwann mutmaßen, dass das auch irgend etwas mit unserer Art der Ernährung zu tun haben könnte.
Bei mir führte das nicht dazu, dass sich etwas änderte. Nach mir die Sintflut. Genuss ging vor. Und ich bildete mir sogar etwas darauf ein, besonders wählerisch in meiner Essensauswahl zu sein – wenn auch auf einem zugestandenermaßen niedrigen Niveau. “Viel zu gesund” pflegte ich zu sagen. Krank.
Bis es irgendwann Klick machte: Bis ich die Wiesenhof- und andere Lebensmittel-Skandale nicht mehr nur als interessante Beiträge eines investigativen TV-Formats betrachtete. Bis ich sie nicht mehr nur mit einem ebenso ignoranten wie zynischen “So ist das eben” aus dem Gedächtnis verbannte.

Welche Lebensperspektive erscheint “besser”: als männliches Eintagsküken aussortiert und sofort getötet zu werden, oder lebenslanges Eierlegen in ungewisser Haltungsform? (Foto: Dirk Gießelmann, soylent-network.com)
So ist das eben. Man hat die Wahl. Und im seltensten Fall ist der bequeme Weg der bessere. Es ist vielleicht nicht leicht, die rote Pille zu schlucken (um die thematisch doch sehr angebrachte Matrix-Metapher zu wählen). Aber es bringt einen unheimlich weiter – und man ist auf der Gewinnerseite: Seitdem ich meine Ernährung umgestellt habe, fühle ich mich physisch wie psychisch besser. Ich gewinne Zeit, weil ich mehr Energie habe und einen besseren Schlaf. Ich kann mich besser auf das Wesentliche fokussieren. Ich fühle mich befreit, weil ich nicht mehr nur an mich denke, sondern mit Respekt und Verantwortung versuche, anderes Leben zu wertschätzen. Ich muss es nicht mehr nur aus Lust am Genuss essen. Ich muss es nicht mehr töten. Es fühlt sich an, wie wenn man endlich ein Puzzleteil gefunden hat, das lange fehlte: Einfach passend.
Die Entscheidung, keine tierlichen Produkte mehr zu essen, ist jedoch eine rein persönliche. Ich erwarte von niemandem, es mir gleichzutun. Ich erwarte von jedem sehr wohl allerdings, sie zu respektieren.
Und natürlich will ich überzeugen. Jeder will das, der sich für das Leben einsetzt. Seien es Aktivisten oder Anwälte gegen die Todesstrafe, seien es Abtreibungsgegner, seien es Tierschützer. Ich bin gegen die Todesstrafe, ich bin für die Abtreibung, ich bin für den Tierschutz. Ich bin in erster Linie eins: gegen die Auswüchse einer industrialisierten Tierhaltung. Es ist traurig, dass selbige zwar Umfragen zufolge Verbraucher auch bedenklich stimmt, ihr Verdacht, ihre Ahnungen jedoch nicht ihr Kaufverhalten beeinflussen. Weil sie nicht tiefer in ihrem Unwohlsein wühlen wollen? Ich kenne das.
Trotzdem: Ich halte es immer noch nicht für unnatürlich, dass Menschen Fleisch essen. Sie können es. Sie sind Allesesser. Dass Menschen jedoch tierliche Produkte essen können, bedeutet nicht zwangsläufig, dass diese deswegen auch gesund sein müssen. In meinem Fall spielt das ohnehin nicht die wesentliche Rolle. Entscheidender ist, dass Menschen im Gegensatz zu fleischessenden und jagenden Tieren dies völlig bewusst und nicht aus Instinkten heraus tun. Und als Mensch hat man die Möglichkeit der Wahl, für die man verantwortlich ist. Wir haben die Wahl, im Normalfall keine Tiere töten oder ausbeuten zu müssen, um überleben zu können. Vor allem aber haben wir die Alternativen!
Wir haben pflanzliche Nahrungsmittel, die uns ernähren können – und zwar nicht nur uns in Europa. Die wir aber an Tiere verfüttern, damit wir diese töten und uns statt dessen von ihnen satt essen können. Dabei essen wir sie nicht mal alle selbst, sondern verschiffen sie nach China, wo der Markt im wahrsten Sinne des Wortes noch nicht gesättigt ist. Schon 2008 exportierte Deutschland Fleischwaren im Wert von 142 Millionen Euro nach China. Wenn irgendwann alle Chinesen ihre 90 kg Fleisch im Jahr essen wie wir Deutschen, werden wir vermutlich keine Finanzkrise mehr haben. Sicher: ein toller Markt, aber mit katastrophalen Folgen für Tier, Natur und – Mensch.
Kostet es Energie, bis hierhin gelesen zu haben? Sie ist nicht verschwendet. Verschwendet ist die Energie, die in der Intensivtierhaltung produziert wird, wie die Massentierhaltung eigentlich richtiger, oder besser: sauberer, bezeichnet werden müsste. Wirklich? Wie intensiv können wir Ernährung und Energie für die Massen verschwenden?
Als Veganer wird man schief angesehen. Ich weiß das, ich hab es selbst Jahre lang getan. Sogar als ich noch gar nicht wusste, was vegan genau bedeutet. Ich machte mich lustig über diese realitätsfernen Ökos. Kein Fleisch? Komisch, aber geht schon in Ordnung, bleibt mehr Wurst übrig. Und was denen sonst noch so entging, war mir eh wurscht, verrücktes Volk. Randgruppe. Heutzutage bleibt einem kaum etwas anders übrig, als ökologisch zu denken. Vielleicht nicht mal mehr für einen selbst, aber doch zumindest bitte für den Nachwuchs! Oder kennt jemand eine andere Erde, auf der wir leben können?
Die Randgruppe wird größer, das steht fest. Das ist vor allem auch der besseren Aufklärung, Information und Vernetzung zu verdanken, wie sie über soziale Netzwerke wie Facebook geschieht. Der arabische Frühling findet in anderer Form also auch irgendwie auf dem Essenstisch statt.
Und Veganer sind alles andere als realitätsfern. Ist zumindest meine Erfahrung. Im Gegenteil. Sie sind aktiv, überdurchschnittlich engagiert und vor allem eins: Sich der Realität sehr bewusst. Und diese bereitet ihnen Sorge. Wem sollte es nicht?
Doch anstatt sich aus Angst zu verstecken, beginnen sie da, wo jeder Mensch am besten wirken kann: bei sich selbst. Denn es ist selbstverständlich falsch, dass ein Einzelner nichts ändern könne. Oder, um es mit Ghandi zu sagen: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.”
Nun, es ist nicht ganz leicht, mit der eigenen Veränderung umzugehen. Nicht, weil man nicht selbst mit ihr klarkommt. Sondern weil das Umfeld auf einen reagiert und man allzu schnell glaubt, andere überzeugen zu müssen. Bei einem so wichtigen Thema ist es einfach, Missionar zu werden. Dabei muss man sich erst einmal selbst orientieren – und den Wandel in den ganz normalen Alltag integrieren…
Es ist dieser ganz normale Alltag, der eher überzeugt als eine noch so hehre eigene Motivation. Denn was ist vegane Ernährung anderes als ganz normale Ernährung? In nahezu jedem ganz “normalen” Rezeptbuch finden sich vegane Rezepte, die, um es salopp zu sagen, quasi gar nicht wissen, dass sie das sind.
Warum nur hat der Begriff “Veganer” noch immer etwas Kauziges an sich? Vegetarier haben es doch immerhin auch zu gesellschaftlicher Akzeptanz gebracht. Nicht nur das: Es ist ja geradezu wellness-fitness-fantastisch-hip, Vegetarier zu sein. Und das ist gut so. Doch wenn man seinen Fleischverzicht konsequent fortdenkt, führt in meinen Augen nichts an einer veganen Lebensweise vorbei. Darauf kann ich stolz sein wie andere auf ihr Auto oder ihre sportlichen Höchstleistungen. Zu Recht. Dafür will ich respektiert werden.
Aber deswegen bin ich nicht besser als andere Menschen. Ich begehe meine kleinen und großen Umweltsünden wie jeder andere auch. Und ich bin auch nicht viel anders: Ich wähle meine Partei und muss niemandem sagen, welche das ist. Es hat auch keinen zu interessieren. Jeder hat seine Gründe für sein Kreuzchen an welcher Stelle auch immer. Bei der Einschätzung meiner politischen Richtung liegen Menschen genauso regelmäßig falsch wie ich bei der ihren. Niemand gehört in eine Schublade.
Ich habe meine Stärken und meine Schwächen, meine Interessen und meine teils langweiligen, teils interessanten Ansichten. Darüber lässt sich reden. Ich kann über mich lachen, noch lieber tue ich es über andere. Mein Wissensdurst braucht ganz sicher mehr Input, mein Bestandswissen muss ebenso sicher in manchen Dingen korrigiert werden. Ich bin nicht perfekt. Aber ich bin mir auch noch nicht genug. Deswegen arbeite ich dran.
Auf pflanzlicher Basis.
Guten Appetit und danke, dass ihr bis hier durchgehalten habt.
Eigentlich wollte ich den Artikel irgendwann noch einmal komplett überarbeiten, kam aber nie dazu. Und bevor er völlig untergeht, veröffentliche ich ihn nun eben einfach so, wie er damals entstanden ist. Mit all seinen Schwächen und hoffentlich auch einigen Stärken.
2005 Wörter, die für die gedacht sind, die mir immer wieder Fragen zu diesem Thema stellen – oder mich einfach nicht verstehen.
Aber besonders für die, die mir meine Fragen beantworten – und so fühlen wie ich.







